Klinik für Oral Health & Medicine, Basel, Schweiz
Dr. Jens Türp ist stellvertretender Klinik-Leiter und Leiter der Abteilung Myoarthropathien / Orofazialer Schmerz, Klinik für Oral Health & Medicine, Universitäres Zentrum für Zahnmedizin Basel, Schweiz.
Dies ist ein zusammengefasster Auszug der Publikation des Autors, erschienen in der Fachzeitschrift: Kraniomandibuläre Funktion, 2025 aus dem Quintessenz Verlag.
Myoarthropathien und Orofaziale Schmerzen
Die Klinik ist eine der wenigen Einrichtungen im deutschsprachigen Raum, die sich auf Myoarthropathien und Orofaziale Schmerzen spezialisiert hat.
An den meisten Universitäten im deutschsprachigen Raum wird im Zahnmedizinstudium eine vertiefte Ausbildung in den Themen Funktionsstörungen und Orofaziale Schmerzen verzichtet.
Hat man als Student an diesen Themen Interesse, muss man sich die Inhalte eigeninitiativ aneignen. Aber eine theoretische Aneignung reicht für eine erfolgreiche Patientenbehandlung nicht aus.
Dabei weist Dr. Türp insbesondere auf die Grenzen der direkten Übertragbarkeit von publizierten Wissen aus Leitlinien, Lehrbüchern und Fachartikeln in die Praxiswirklichkeit hin.
2025: Beispiele aus dem Praxis-Alltag
Dr. Türp stellt in seinem Artikel ein zufällig ausgewähltes Patientenspektrum vor, das sich am 3. Juni 2024 in seiner Sprechstunde im Zentrum der Zahnmedizin in Basel einfand.
Aufgrund der großen Resonanz auf seinen 1. Artikel (2021) führte er erneut einen Patienten-Tag durch.
Im Folgenden werden 13 Fälle beschrieben und klinisch, relevante, diagnostische und therapeutische Hinweise gegeben.
1. Fall: Patientin, 56 Jahre, Friseuse, 16. Termin
Vorgeschichte
▶ Im Jahr 2014 traten bei der Patientin im Zusammenhang mit einer Gürtelrose attackenartige, minutenlange, neuralgiforme Schmerzen im rechten Oberkiefer auf,
▶ Die damals durchgeführte Therapie mit dem Antikonvulsium Gabapentin führte zu einer deutlichen Schmerzlinderung,
▶ 2018 wurde die Patientin von einem HNO-Arzt wegen der komplexen Schmerzproblematik im Bereich des rechten Trigeminusnervs an mich überwiesen,
▶ Diagnose Erstvorstellung (4.12.2018): Patientin hat als Hauptbeschwerde ein seit 4 Jahren bestehenden, drückenden Dauerschmerz im Zahn 14, der gegen Nachmittag zunimmt, (Schmerzintensität 4/10),
▶ Zahnfleisch fühlt sich wie eingeklemmt an, Schmerzfreiheit ist bislang nicht eingetreten,
▶ Zusätzlich kommt in der Region ein Schmerz (7/1) hinzu, der einige Minuten anhält,
▶ Patientin gab an, im Schlaf mit den Zähnen zu knirschen,
▶ Parodontologie und Endodontologische Untersuchungen in der Klinik für Kariologie ergaben keinen pathologischen Befund, klinische und röntgenologische Untersuchungen waren unauffällig, lokale Ursachen wurden ausgeschlossen,
Diagnose bei der Erstvorstellung, 4.12.2018
▶ Zahn 14, Zahnschmerzen
▶ Bruxismus: Zähneknirschen, Kieferpressen
Therapievorschläge: Zahnschmerzen
Stufenweises Vorgehen
- Regelmäßige Anwendung von Meridol Zahnpasta (zum Schutz vor Entzündungen)
- Regelmäßige Anwendung von Elmex Gelée
- Therapeutische Lokalanästhesie
- Applikation von Adhäsiv
- Fortsetzung der Einnahme von Gabapentin
Therapievorschlag: Bruxismus
- Mitgabe von farbigen Aufklebern zur Selbstbeobachtung des Kieferpressens,
- Nutzung eines Kaugummis zur Verringerung des Wachbruxismus,
- Überweisung an CMD-Physiotherapeuten zum Erlernen einer Muskelentspannungs-Technik,
- Anfertigung eine Michigan-Schiene im Oberkiefer,
2. Nachkontrolle nach 3 Wochen (Februar)
Patientin sagt: „Ich würde die Schiene am liebsten den ganzen Tag tragen, weil ich weniger Missempfindungen am Zahn habe“.
Halbjahreskontrolle nach 6 Monaten
- Patientin trägt die Schiene jede Nacht,
- Schiene wird erneut glatt geschliffen, geschmirgelt und poliert,
- Patientin berichtet, dass die Entspannungs-Technik gut funktioniert, sie sie aber nicht täglich praktiziert,
- Die Zahnschmerzen sind auch besser geworden,
Anmerkungen zu Fall 1
Normalerweise verursacht Kaugummikauen bei CMD-Patienten keine Beschwerden.
Beides – Kauen und Nicht-Kauen verkürzt die parafunktionelle Okklusionskontaktzeit im Wachzustand und kann somit als kausale Therapie angesehen werden.
Michigan-Schienen werden generell für den Oberkiefer angefertigt. Sie sitzt dort stabiler, bietet mehr Raum für die Zunge und erlaubt eine viel einfachere Gestaltung der Freiheit in der Zentrik.
Bei uns werden nur Michigan-Schienen, angefertigt für die drei Indikationen: Bruxismus, Kaumuskelschmerzen und Kiefergelenksschmerzen.
Mittelpunkt der therapeutischen Maßnahmen:
- Aufklärung,
- Beratung,
- De-Fokussierung,
- Weniger zu machen ist manchmal besser, als eine Überbehandlung,
2. Fall: Patient, 55 Jahre, Zollassistent, 15. Termin
Diagnose bei der Erstvorstellung, 1.10.2014
▶ Bruxismus: Zähneknirschen, Kieferpressen
▶ Akute primäre myofaszial-orofaziale Schmerzen im Masseter, rechts,
Heutiger Termin
▶ Schienen-Kontrolle und Nachschleifen, bis die Schiene glatt ist, zum Schluss wird sie von Hand nachgeschliffen.
Anmerkung zu Fall 2
Wir verwenden seit 15 Jahren einen Kunststoff aus Polymethylmethacrylat PMMA, der von den Patienten als sehr angenehm empfunden wird.
Für das Beschleifen verwenden wir eine Metall-Fräse, die einen breiten Umfang hat und somit besser in der Hand liegt.
Beim Schmirgeln gehen die Kontaktpunkte übrigens nicht verloren.
3. Fall: Patientin, 59 Jahre, Musikerin, 26. Termin
Diagnose bei der Erstvorstellung, 10.7.2008
▶ Bruxismus: Zähneknirschen, Kieferpressen
▶ Chronische primäre myofasziale Schmerzen der Muskeln Masseter und Temporalis (Schläfenmuskel),
▶ Kiefergelenksarthralgie, beidseitig, chronische primäre Kiefergelenksschmerzen, beidseitig,
Heutiger Termin
▶ Neue Schienen-Eingliederung, weil die alte Schiene ausgedient hat. Sie war im Gebrauch von 2008-2024 und hat jetzt viele Löcher.
Bei der Schienen-Eingliederung sind folgende Schritte zu beachten:
- Das 1. Einsetzen der Schiene erfolgt durch den Zahnarzt,
- Passt die Schiene nicht auf die obere Zahnreihe, sind die Vestibulären Ränder zu lang und müssen gekürzt werden,
- Ab sofort übernimmt der Patient das Raus- und Reinnehmen der Schiene,
- Die Schiene muss bequem sitzen und darf nicht drücken,
- Alle Seiten und Eckzähne des Gegen-Kiefers (Unterkiefer) müssen Kontakt zur Schienen-Oberfläche haben,
- Die unteren Schneidezähne weisen keinen Kontakt auf,
- Der Unterkiefer sollte einen Bewegungsspielraum von 1 bis 2 mm nach vorne und zur Seite haben (Freiheit in der Zentrik),
(1. Nachkontrolle findet innerhalb einer Woche statt, die 2. Nachkontrolle innerhalb von 2 Wochen, danach folgen halbjährliche Kontrolltermine)
Anmerkung zu Fall 3
Im Zweifelsfall ist der Tragekomfort wichtiger als die Retention.
Bei den Kontakten der Zähne des Gegen-Kiefers auf der Schienen-Oberfläche handelt es sich nicht um Okklusionskontakte.
4. Fall: Patientin, 39 Jahre, Aktivierungsfachfrau, 47. Termin
Diagnose bei der Erstvorstellung, 16.10.2007
▶ Bruxismus: Zähneknirschen, Kieferpressen
▶ Chronische primäre myofasziale-orofaziale Schmerzen im Masseter Muskel,
▶ Kiefergelenksarthralgie, links, chronische primäre Kiefergelenksschmerzen, links,
Heutiger Termin
▶ Eingliederung der 4. Michigan Schiene
- 1. Schiene brach beim morgendlichen Herausnehmen nach 6 Jahren auseinander,
- 2. Schiene wies nach 10 Jahren Tragzeit zu viele Löcher auf,
- 3. Schiene brach nach 2 Jahren aufgrund eines produktspezifischen Materialfehlers auseinander,
5. Fall: Patient, 28 Jahre, arbeitslos, 5. Termin
Diagnose bei der Erstvorstellung, 16.4.2024
▶ Bruxismus: Kieferpressen
▶ Chronische primäre myofasziale-orofaziale Schmerzen in den Masseter Muskeln, beidseitig,
▶ Kiefergelenksarthralgie, rechts, chronische primäre Kiefergelenksschmerzen, rechts,
Heutiger Termin
▶ 2. Nachkontrolle nach der Schienen-Eingliederung vom 29.5.2024
6. Fall: Patientin, 73 Jahre, pensionierte Lehrerin, 22. Termin
Diagnose bei der Erstvorstellung, 22.10.2015
▶ Bruxismus: Kieferpressen
▶ Anteriore Diskusverlagerung mit Reposition bei Kieferöffnung (Verschiebung der Knorpelscheibe (Diskus) im Kiefergelenk, die bei Mundöffnung zurück in ihre normale Position zurückgleitet und oft mit einem Knack- oder Klickgeräusch einhergeht),
Heutiger Termin
▶ Schienen-Kontrolle: Schiene weist 3 kleine Löcher auf, bedingt durch das Nachschleifen, dies hat für die Festigkeit und die Funktion der Schiene aber keine Bedeutung.
▶ Schiene wird nachgeschliffen, und Zahnstein wird entfernt.
Anmerkung zu Fall 6
Die Diagnose stellt eine Variation der Normalität dar.
Die Michigan-Schiene stellt nicht nur ein therapeutisches Mittel bei Bruxismus dar, sondern dient auch als ein diagnostisches Mittel bei der Ermittlung der Schwere von Bruxismus:
- Kieferpressen: Auf der Schiene bilden sich Mulden/Vertiefungen
- Zähneknirschen: Auf der Schiene bilden sich Furchen
7. Fall: Patientin, 61 Jahre alt, Selbständig, 4. Termin
Diagnose bei der Erstvorstellung, 15.05.2023
▶ Bruxismus
Heutiger Termin
▶ Kontrolle nach 2 Jahren, Schiene wurde in eine Michigan-Schiene umgearbeitet.
Anmerkung zu Fall 7
Keilförmige Defekte an den Zähnen treten nach jahrzehntelangem Kieferpressen auf.
Bei oral-angefertigten Schienen sollte überprüft werden, ob sich die Schiene später in eine Michigan-Schiene umwandeln lässt. Dies ist kostengünstiger.
8. Fall: Patienten, 75 Jahre, Rentnerin, 35. Termin
Diagnose bei der Erstvorstellung, 10.10.2005
▶ Bruxismus: Zähneknirschen, Kieferpressen
▶ Myofaszialer Schmerz der Masseter Muskeln, chronische Primäre myofaszial-orofaziale Schmerzen der Masseter Muskeln, beidseitig,
Heutiger Termin
▶ Schienen-Kontrolle, 2. Schiene wurde hergestellt im Jahr 2018, die 1. Schiene war von 2005-2018 im Einsatz.
9. Fall: Patientin, 67 Jahre, Pensionistin, 11. Termin
Diagnose bei der Erstvorstellung, 13.1.2021
▶ Bruxismus: Zähneknirschen, Kieferpressen
▶ Myofaszialer Schmerz, chronische primäre myofaszial-orofaziale Schmerzen der Masseter Muskeln, beidseitig,
▶ Arthralgie beider Kiefergelenke, chronische primäre Kiefergelenksschmerzen, beidseitig,
Heutiger Termin
▶ Schienen-Kontrolle (Schiene vom Februar 2021)
▶ Es liegt eine stabile Unterkieferlage und Zahnstellung vor.
10. Fall: Patientin, 47 Jahre, Hausfrau, 26. Termin
Diagnose bei der Erstvorstellung, 27.10.2009
▶ Bruxismus: Kieferpressen
▶ Anteriore Diskusverlagerung mit Reposition bei Kieferöffnung, beidseitig,
Heutiger Termin
▶ Schienen-Kontrolle: Patientin erschien 2009 mit einer oralen Schiene, die von mir um- und eingeschliffen wurde.
▶ 2012 wurde diese Schiene durch eine Michigan-Schiene ersetzt, diese weist inzwischen 13 Löcher auf, was aber weiterhin tragbar ist.
▶ Schiene wird heute rechts hinten gekürzt, weil sie dort so dünn ist.
11. Fall: Patienten, 71 Jahre, medizinische Fachangestellte, 19. Termin
Diagnose bei der Erstvorstellung, 10.10.2014
▶ Bruxismus: Zähneknirschen, Kieferpressen
▶ Myofaszialer Schmerz, Masseter rechts, chronische primäre myofaszial-orofaziale Schmerzen des rechten Masseter Muskels,
▶ Kiefergelenksarthralgie, rechts, chronische primäre Kiefergelenksschmerzen, rechts,
▶ Anteriore Diskus Verlagerung mit Reposition bei Kieferöffnung, rechts,
Heutiger Termin
▶ Schienen-Kontrolle (Schiene vom Februar 2015)
12. Fall: Patientin, 19 Jahre, Fachfrau für Kinderbetreuung, 1. Termin
Patienten Geschichte
▶ Patientin berichtet, dass sie seit etwa einem 1/2 Jahr unter Kieferschmerzen leidet,
▶ morgens nach dem Aufwachen tritt fast täglich zusätzlich ein Ziehen und Schmerzen beidseitig im Schläfenbereich auf (Schmerzintensität: 8/10) und in der Massetermuskulatur (6/10), Schmerzen halten 2 Stunden an,
▶ Patientin knirscht im Schlaf und presst im Wachzustand die Kiefer zusammen,
▶ Beschwerden haben sich seit dem 1. Auftreten nicht verändert,
▶ Schmerzen verstärken sich bei psychischer Belastung und Störung des Nachtschlafs,
Befundung
a) Klinisch
▶ Bestimmung der Unterkieferbeweglichkeit, maximale Kieferöffnung, maximaler Seit- und Vorschub, Bewegung des Unterkiefers,
▶ Palpation/Untersuchung des Muskels Temporalis (Schläfenmuskel), Masseters und der Kiefergelenke mit Algometer,
▶ Provokationstest,
▶ Zahnstatus und Morphologie, Vorhandensein von Okklusionskontakten,
b) Radiologisch
▶ Panoramaschichtaufnahme,
Diagnostische Zuordnung
▶ Bruxismus: Zähneknirschen, Kieferpressen
▶ Myofaszialer Schmerz des Muskels Temporalis und Masseters, chronische primäre myofaszial-orofaziale Schmerzen des Muskels temporalis und Masseters,
Therapie Empfehlung, wie im 1. Fall
- Selbstbeobachtung mit Aufklebern
- Kaugummi im Mund
- Entspannungsverfahren
- Michigan-Schiene
Anmerkung zu Fall 12
Die Untersuchung besteht bei uns aus drei Teilen:
a) Aufnahme der Krankheits-Geschichte: In Form von Befundbögen und mündlichem Gespräch, das zwischen 10 und 60 Minuten dauert.
b) Klinische Untersuchung: Diese läuft immer nach einem bestimmten Schema ab und dauert rund 10 Minuten.
c) Panoramaschichtaufnahme: Diese darf nicht älter als 2 Jahre alt sein, sie dient bei der Funktionsdiagnostik der Differenzialdiagnose und der Beurteilung der Kiefergelenke und der Unterkieferwinkel, was ein Anzeichen für langjähriges Kieferpressen sein kann.
▶ Weniger ist mehr: Überdiagnostik und Übertherapie sind unter allen Umständen zu vermeiden.
Fall 13: Patientin, 69 Jahre, Soziologin, 2. Termin
Diagnose bei der Erstvorstellung, 21.5.2024
▶ Bruxismus: Kieferpressen
Heutiger Termin
▶ Bei der Erstvorstellung wurde eine Kieferrelationsbestimmung durchgeführt und eine Alginatabformung von Ober- und Unterkiefer gemacht (ungiftige Masse, die nach dem Mischen mit Wasser aushärtet, bekannt für ihre hohe Detailtreue und schmerzfreie Ablösung von Körperhaaren),
▶ Michigan-Schiene wird eingegliedert,
Kommentar zu Fall 13
Eine Daumenregel nach der University of Michigan besagt, dass nach dem Durchbruch der bleibenden Zähne im 12. Lebensjahr noch 4 Jahre für die Feineinstellung der Okklusion abgewartet werden soll, bevor eine Michigan-Schiene eingesetzt werden kann.
Bei Patienten unter 16 Jahren wird eine weiche Oberkieferschiene gewählt.
Diskussion
▶ Dieser Patienten-Tag war in gewisser Weise untypisch.
▶ Am heutigen Tag stand die Michigan-Schiene zufälligerweise im Vordergrund.
▶ Sehr wichtig bei dieser Offenlegung ist die Bedeutung des Zusammenspiels von externer Evidenz (aktueller Stand der Wissenschaft) und interner Evidenz (klinische Erfahrung).
▶ Eine Faustregel besagt, dass man mindestens 10.000 Stunden praktische Erfahrung in einem Fachgebiet gesammelt haben muss, um auch intuitiv qualitativ gute Entscheidungen treffen zu können.
▶ Am Ende des Behandlungtages wird ein sehr individuell gestalteter Befundbericht, der den Status Quo des Patienten dokumentiert, erstellt und an den Patienten und an den Überweiser gegeben.