
Geschlechteraspekte in der Schmerzmedizin stärker berücksichtigen, Deutscher Schmerz- und Palliativtag 2024
Frauen und Männer empfinden Schmerzen unterschiedlich und auch Schmerzmedikamente wirken geschlechtsabhängig.
Prof. Dr. Dr. Bettina Pfleiderer, Leiterin der Arbeitsgruppe „Cognition & Gender“ an der Klinik für Radiologie der medizinischen Fakultät der Universität Münster, forderte in ihrem Vortrag zum Auftakt des Deutschen Schmerz- und Palliativtages, dieses Wissen in der Schmerzmedizin stärker zu berücksichtigen.
Schon im 19. Jahrhundert wurde behauptet, dass Frauen empfindlichere Nerven hätten. Moderne wissenschaftliche Erkenntnisse bestätigen eine niedrigere Schmerzschwelle bei Frauen. Etwa 70 Prozent der Menschen, die unter chronischen Schmerzen leiden, sind weiblich.
„In Studien zur Untersuchung von Schmerzmitteln spiegelt sich dieses Geschlechterverhältnis jedoch noch nicht wider, was zu verzerrten Ergebnissen führt“, kritisiert Pfleiderer.
Mehrere Faktoren beeinflussen die Schmerzverarbeitung
In der Schmerzmedizin beeinflussen zahlreiche Faktoren die Schmerzverarbeitung.
Frauen empfinden beispielsweise Druckschmerz stärker als Männer, unter anderem aufgrund ihrer dünneren Haut. Das weibliche Hormon Östrogen erhöht ebenfalls die Schmerzempfindlichkeit, während Testosteron Schmerzreize eher dämpft.
Vielen Schmerzmedizinern ist nicht bewusst, dass die Strukturen des Gehirns, die in der Schmerzverarbeitung involviert sind, auch Östrogenrezeptoren aufweisen.
Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin
https://www.dgschmerzmedizin.de/news/dgs-pressemitteilungen/detail/news/geschlechteraspekte-in-der-schmerzmedizin-staerker-beruecksichtigen/
Frauen und Östrogenforschung
Mittlerweile taucht auch als Diagnose das Thema Östrogenforschung auf. In der Migräneforschung ist seit längerem anerkannt, dass ein Absinken des Östrogenspiegels gegen Ende des weiblichen Zyklus zu einer erhöhten Tendenz von Migräneattacken führt.
Das Glückshormon wirkt außerdem sehr auf die Stimmung. Es erhöht den Serotonin-Spiegel auf natürliche Weise. An verschiedenen Stellen der Produktion und des Abbaus des Serotonins wirkt es fördernd.
Sinkt das Östrogen ab, erhöht sich die Schmerzempfindlichkeit des Körpers. Das habe ich von einem CMD Spezialisten (Dr. Madsen) aus Ludwigshafen gehört.
Psycho-Soziale Gefährdungsfaktoren „Yellow Flags“
| Glaube, Bewertung, Beurteilung | Emotionale Reaktion | Schmerz-Verhalten (Bewältigungs-strategie) |
| ▶ Negative Einstellung gegenüber Schmerzen ▶ Angabe der Schädigung als unkontrollierbar ▶ Wahrscheinlichkeit einer Verschlechterung ▶ Erwartung von weiteren erfolglosen Therapien ▶ Verzögerung der Rückkehr zur Arbeit | ▶ Leiden und Schmerz erfüllen keine Kriterien einer psychischen Erkrankung ▶ Sorgen, Ängste | ▶ Vermeidung von Bewegungen/ Aktivitäten aufgrund erwarteter Schmerz-verschlimmerung und/oder einer erneuten Verletzung ▶ Blindes Vertrauen in passive Behandlungs-methoden (Fango, Kälte, Schmerzmittel…) |
Die „Yellow Flags“ spielen in der Therapie von A-spezifischen Rückenschmerzen sowohl im akuten als auch im chronischen Stadium eine elementare Rolle. Anhand dieser Faktoren kann man erkennen und objektiv entscheiden, ob bereits eine Chronifizierung vorliegt.
In einer zielgerichteten und strukturierten Behandlung von chronischen Schmerzen werden die „Yellow Flags“ gemeinsam mit dem Patienten analysiert und beseitigt. Dies erfordert jedoch von den Therapeuten Mut, Übung und professionelle, kommunikative Fähigkeiten.
Kommunikation & Verhaltenstraining als zusätzliches Instrument
Die Kommunikation nimmt einen eigenen Stellenwert als Behandlungsmethode ein. Daher sollte die Physiotherapie die therapeutischen Kommunikations-Fertigkeiten mehr ins Blickfeld rücken.
Zudem ist ein Verhaltenstraining (Pacing, Graded Activity) notwendig. In diesem Verhaltenstraining erlernt der Patient Eigenverantwortung für seine Erkrankung zu übernehmen und Bewegung aus einem positiven Blickwinkel zubetrachten.
Podcast: „Individuelle Therapien gegen chronische Schmerzen“, 2024
Unter diesem Motto bieten das Universitätsklinikum Heidelberg und die Rhein-Neckar-Zeitung die Vortragsreihe „Medizin am Abend“ an.
Welche Therapieoptionen und Möglichkeiten sich für Patientinnen und Patienten ergeben, erläutert Professor Dr. Jonas Tesarz im Podcast.
Dr. Jonas Tesarz ist Geschäftsführender Oberarzt an der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik am Universitätsklinikum Heidelberg und untersucht in seiner Studienambulanz neue Therapien gegen chronische Schmerzen.
Inhalte
- Was für einen Einfluss haben psychische Traumata auf die Schmerzen?
- Welche Faktoren sind relevant für die Schmerz-Aufrechterhaltung?
- Unsicherheit gegenüber dem Körper,
- Schmerz als Bedrohnung, Angst-Kreislauf,
- Wie kann man die Patienten beim Aufbau von Vertrauen gegenüber dem eignenen Körper unterstützen?
- Schlaf hat einen starken Einfluss darauf, ob Schmerzen chronisch werden,
- Die Wirkung von Opiaten bei chronischen Schmerzen wird überschätzt,
- Psychotherapie bei mehreren komplexen Schmerz-Phänomenen,
- Physiotherapie gibt nur das Handwerkszeug,
- Patient muss „aktiv“ werden und sein bester/eigener Experte werden,
- Paradigmenwechsel: Früher lag der Fokus mehr auf dem Körper, jetzt mehr auf das Nervensystem,
- Mehrere Schmerzsyndrome können gleichzeitig vorliegen, Medikamente wirken nicht für alle Schmerzen gleich gut,
- Selbsthilfegruppen haben einen hohen Stellenwert,
- Auch Gesunde haben degenerative Veränderungen (z.B. Bandscheibenvorfall) am Bewegungsapparat, 1/3 der Gesunden Betroffenen sind Schmerzfrei,
- Chronische Schmerzen wird als eigenes Krankheitsbild mit aufgenommen
Schmerz-Unterscheidung
1) Neuropathischer Schmerz:
Eine spezifische Art von chronischem Schmerz, der durch eine Schädigung oder Fehlfunktion des Nervensystems verursacht wird. Im Gegensatz zu Schmerzen, die durch eine Verletzung oder Entzündung entstehen, liegt die Ursache hier in einer Dysfunktion der Nerven selbst, entweder im peripheren oder zentralen Nervensystem.
2) Nozizeptiver Schmerz:
Schmerzart, die durch die Aktivierung von Nozizeptoren/Nervenenden entsteht, welche Schmerzreize in Geweben, wie Haut, Muskeln oder Gelenken, erkennen und weiterleiten.
3) Noziplastischer Schmerz:
Schmerzart, die weder auf einer Gewebeschädigung (Nozizeptiver Schmerz) noch auf einer Nervenschädigung (Neuropathischer Schmerz) beruht, sondern auf einer veränderten Schmerzverarbeitung im zentralen Nervensystem.
▶ Jede dieser 3 Schmerzarten braucht eine individuelle Therapie.
2025 Pain Reprocessing Therapy (PRT)
Dies ist eine relativ neue psychotherapeutische Methode zur Behandlung von chronischen Schmerzen, die darauf abzielt, die Schmerzverarbeitung im Gehirn neu zu verdrahten.
Statt die Schmerzen als Reaktion auf eine tatsächliche Gewebeschädigung zu interpretieren, lehrt PRT den Patienten, den Schmerz als eine Fehlfunktion des Nervensystems zu erkennen und zu verstehen.
Ziel der PRT ist es:
- Das überaktive Alarmsystem des Gehirns zu beruhigen,
- Fehlinterpretationen von Schmerzsignalen zu korrigieren,
- Den Teufelskreis aus Angst und Schmerz zu durchbrechen,
- Die Schmerzempfindlichkeit zu reduzieren,
- Die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern,
Ablauf der Pain Reprocessing Therapy (PRT)
| Inhalt & Ziel | Beispiele & Methoden | |
| Schmerzedukation | ▶ Neues Verständnis von Schmerz vermitteln („Fehlalarm“, Neuroplastizität, Reversibilität) | ▶ PNE (Pain Neuroscience Education) ▶ Empathische Aufklärung |
| Identifikation noziplastischer Mechanismen | ▶ Schmerz als Ausdruck zentraler Sensitivierung und noziplastischer Mechanismen erkennen | ▶ Schmerzanamnese ▶ Beweisliste ▶ Central Sensitization Inventory (CSI), ▶ Pain Catastrophizing Scale (PCS), ▶ Gemeinsame Hypothesenbildung |
| Kognitive Umstrukturierung & Dekonditionierung | ▶ Bedrohliche Schmerz-Interpretationen verändern ▶ Bewegungs-Vermeidung abbauen | ▶ Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ▶ Akzeptanz-und-Commitment-Therapie (ACT) ▶ Reframing, Affirmationen, Exposition ▶ Graded Exposure Therapy (GET), ▶ Wertearbeit |
| Somatische Achtsamkeit (Somatic Tracking) | ▶ Schmerzen aufmerksam und ohne Angst beobachten ▶ Umdeutung in sichere Empfindung | ▶ Achtsamkeit, ACT ▶ Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR) ▶ Körperfokus mit positiver Bewertung |
| Emotionale Verarbeitung | ▶ Emotionale Belastungen als Schmerzauslöser erkennen und bearbeiten | ▶ Emotional Awareness and Expression Therapy (EAET) ▶ Expressives Schreiben ▶ Emotions-fokussierte Gespräche ▶ Selbstmitgefühl |
| Positive Fokussierung & Integration | ▶ Ressourcen stärken ▶ Fokus auf Freude und Sicherheit im Alltag lenken | ▶ Dankbarkeitspraxis ▶ Visualisierung ▶ Positive Körper-Wahrnehmung ▶ Bewegung |
Neue Methode zur Behandlung von chronischem Schmerz, 2025
https://www.springermedizin.de/chronisches-schmerzsyndrom/angst/pain-reprocessing-therapy-schmerz-neu-denken/51111662