Die Zukunft und Grenzen der CMD-Therapie

Milton Arias Fotografie

56. Jahrestagung der DGFDT (Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie): Zukunft der Okklusions-Schienen

Es wurden verschiedene Schienen-Arten mit Indikationen, Hinweisen zur praktischen Umsetzung, Nutzung inklusive Tipps zum Trageverhalten und Nachsorge-Empfehlungen vorgestellt.

Planung – Digitalisierung – Folgebehandlungen

Andreas Kunz betonte die Notwendigkeit einer präzisen Planung, um im Team Zahntechniker/Zahnarzt/Chirurg, ein Implantat-prophetisches Ergebnis nahe dem natürlichen Vorbild zu erreichen.

Drei Referenten konnten anschaulich die Möglichkeiten und Vorteile der Digitalisierung im Okklusions-Schienen-Zusammenhang darstellen.

Dr. Oliver Ahlers zeigte, dass nach erfolgreicher CMD-Behandlung mit reversiblen Behandlungsmitteln nicht immer zahnärztlich-restaurative, Kieferorthopädisch oder Kieferchirurgisch-ausgerichtete Folge-Behandlungen als dauerhaftes Behandlungskonzept notwendig sind.

Aufwand & Nutzen-Verhältnis

Sollte nach einer Funktion-Therapie:

  • keine gleichmäßige Okklusale Abstützung bestehen,
  • eine für den Betroffenen nicht tolerierbare Situation entstanden sein,
  • eine Dauerschiene nicht infrage kommen oder ohnehin
  • ein Rekonstruktion-Bedarf bestehen,

ist das Aufwand-Nutzen-Verhältnis auf Grundlage einer gerichteten Diagnostik kritisch zu hinterfragen.

Schlafapnoe & entzündungshemmende Medikamente

Mit der quantitativen Erfassung schlafbezogener Atmungsstörungen (Schlafapnoe) bei Patienten mit ausgeprägten Kiefer-Fehlstellungen beschäftigte sich eine interdisziplinäre Pilot-Studie von Dr. Bernhard Wichens.

Priv.-Doz. Dr. Oliver Schierz gab einen Einblick in die Umsetzung und Bewertung einer nicht interventionellen Beobachtung-Studie zur Wirkung eines analgetisch und entzündungshemmenden Medikaments zur Behandlung von Kiefer-Gelenkschmerzen.

Warum wirken Schienen?

Mit den Möglichkeiten und Grenzen der Digitalisierung referierte der 2. Hauptredner Dr. Daniel Hellmann. Er startete mit der Frage: „Warum wirken Schienen?“

Nach Beleuchtung okklusaler, inter- und intramuskulärer und arthrogener Effektoren und Zusammenhänge bei der Eu- und Dysfunktion des Craniomandibulären Systems, inklusive von Einblicken in neuronale Verschaltungsmuster, wurde festgestellt, dass keine generellen Zusammenhänge zwischen okklusogener Abweichung von der Norm und der Entstehung von CMD Beschwerden bestünden.

Als Beeinflusser zentraler und peripherer Funktions-Muster und biomechanischer Parameter sollen Okklusions-Schienen wie ein Medikament dosiert und gerichtet zum Einsatz kommen.

Bruxismus – Vagus-Nerv-Stimulation – Tinnitus – Psyche

Ina Feurer stellte klar, dass es physiotherapeutisch nicht möglich sei, Bruxismus zu behandeln. Man könne lediglich mit speziellen Loslass-Übungen symptomatisch vorgehen.

Dr. Lea Sofia Prott berichtete über interessante Ergebnisse einer Pilot Studie zur nichtinvasiven transkutanen Vagusnervstimulation per Ohr-Elektrode bei chronischen CMD-Symptomen.

Nach einem Update über den Zusammenhang von CMD und Tinnitus mit Vorstellung der aktuellen Studienlage durch Dr. Johann Wolf, stellte Max Carius auf Basis der Auswertung von Daten der c klar, das Zeichen von Depression und Angststörungen in signifikant erhöhtes Risiko von selbst-beobachteten Bruxismus darstellen.

Phase 1/Phase 2-Schienen – Restaurierung – Behandlungserfolge

Dr. Hans Joachim Roos stellte das Konzept einer zweiphasigen Okklusions-Schiene vor, die im Behandlungsablauf zunächst als Reflex- und anschließend als adjustierte Relaxierungs-Schiene zum Einsatz kommt.

Den dritten Hauptvertrag steuerte Dr. Dieter Reusch bei. Er erläuterte sein Konzept zur funktionellen Restaurierung komplexer Fälle mit vielen Hinweisen zum praktischen Vorgehen in Bezug auf die Herstellung und den Einsatz von Okklusions-Schienen vor prophetischer Versorgung.

Klare Ablauf- und Entscheidungsschemata stellen aus seiner Sicht wesentliche Bausteine bei der Versorgung, insbesondere aufwändiger Behandlungsfälle dar.

Auch sei gerade bei der Nutzung digitaler Diagnosen und Arbeitsmittel ein Grundverständnis der analogen Abläufe essentiell für einen guten Behandlungserfolg.

https://www.dgfdt.de/aktuelle-jahrestagung2023

Alles über Okklusions-Schienen zur CMD-Behandlung

Unter Federführung der DGFDT und der DGZMK wurde die neue S2k-Leitlinie „Okklusions-Schienen zur Behandlung Craniomandibulärer Dysfunktionen und zur präprothetischen Therapie“ erstellt.

​https://www.zm-online.de/news/detail/neue-leitlinie-okklusionsschienen-zur-cmd-behandlung

Grenzen bei der Therapie der Craniomandibulären Dysfunktion

Obwohl es heute viele Positiv-Beispiele gibt, therapieren heute die meisten niedergelassenen Ärzte diese Erkrankung nicht immer ohne negative Folgen für beide Seiten.

Für den einen oder anderen entwickelt sich diese „harmlose“ Therapie zur intensiven Auseinandersetzung mit dem Patienten mit abschließendem Fiasko. Zur Risikominimierung ist eine genaue Abgrenzung der Behandlungsnotwendigkeit und –möglichkeiten notwendig.

Falls z.B. eine Schiene schlecht geplant und unbedacht eingesetzt wird, dient sie häufig zumindest dem Schutz der Zahnsubstanz und der Restauration, aber nicht der Entlastung des Kiefergelenks und der muskulären Strukturen. Sie beseitigt deshalb auch nicht die Beschwerden. Die Probleme persistieren oder verstärken sich.

Welche Rolle die Okklusion in diesem Geschehen spielt, ist vielfach diskutiert, und es gibt darüber ausreichend wissenschaftliche Untersuchungen, die vorhandene oder auch fehlende Zusammenhänge aufzeigen. Als ätiologischer Hauptfaktor für Bruxismus wird sie ausgeschlossen.

Eine Korrelation zwischen Okklusions-Fehlern und entsprechendem myofaszialem Schmerz ist bei der Mehrzahl der Patienten gegeben, wenn nicht, spielen andere Faktoren eine Rolle, die die Wirksamkeit einer Schienen-Therapie infrage stellen.

Es sind somatische von psychosozialen Diagnosen zu differenzieren, dazu dient auch die Abfrage vegetativer Stresszeichen wie Herzrasen, Kreislaufdysregulationen und starkes Schwitzen.

Ursachen können auch in anderen Biologischen Bereichen liegen wie:

  • Schlafmangel  
  • Augen (Sehsinn), Hörsinn (Gleichgewichtsorgan)
  • Hormon-System & Stoffwechsel
  • Darmgesundheit & Immunsystem
  • Ernährung & Bewegungsmangel
  • Chronische Entzündungen

Diagnostik der CMD

Zur Abgrenzung somatischer Erkrankungen ist das RDC/TMD-Diagnose-System bei CMD geeignet:

ACHSE I: Somatische Diagnosen

▶ ACHSE II: Schmerzbezogene psychosoziale Diagnostik

Liegen somatoforme Schmerzstörungen vor, sind psychosoziale Einflussfaktoren bei etwa 80 % der Erkrankten relevant.

Chronischer Schmerz

Einige Hinweise auf eine Chronifizierung des Schmerzgeschehens können die Fixierung auf den Schmerz, viele erfolglose Therapieversuche und das Vorhandensein mehrerer Schmerzorte sein.

Okklusale Dysästhesie – Phantombiss

Zu den nicht schmerzhaften Funktionsstörungen innerhalb der somatoformen Erkrankungen zählt der Phantombiss (okklusale Dysästhesie), der auch CMD-Symptome aufweisen kann.

Laut S1-Leitlinie DGFDT Okklusale Dysästhesie: „Die okklusale Dysästhesie (OD) ist ein Beschwerdebild, bei dem:

  • Zahnkontakte, die klinisch weder als Fehlkontakte objektivierbar sind,
  • noch im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen stehen,
  • und länger als sechs Monate als störend empfunden werden.“

Alternative Behandlungsmethoden

Zur Schmerzbeseitigung ist eine gesunde Ernährung und eine positive Lebensführung förderlich. Ein Verzicht auf übermäßigen Fleischgenuss und Kohlenhydrate wirkt bei den Schmerzen unterstützend.

Zur Senkung des Muskeltonus und zur Vorbeugung übersäuerter Muskulatur und die daraus entstehenden Entzündungen ist ein moderates, regelmäßiges körperliches Training empfehlenswert.

Ein ausreichendes Stressmanagement mit Entspannungstechniken und bestimmten Methoden der Körperarbeit, Wärmeanwendungen, Atemtraining und Biofeedback  ist unabdingbar.

Bei neuralgischen Beschwerden haben sich Carbamazepine, wie z. B. Tegretol, bewährt. Zur Entspannung der Kaumuskulatur kann neben Physiotherapie und Lymphdrainage auch die Anwendung eines TENS-Gerätes Erleichterung bringen.