
Craniomandibuläre Dysfunktion
Die CMD ist ein Überbegriff für Störungen in der:
- Struktur: Fehler in der Okklusion (Aufeinander-Treffen der Zähne von Ober- und Unterkiefer): Zahn-, Kieferfehlstellungen, Kronen, Implantate.
- Funktion: Gestörtes Zusammenspiel verschiedener Muskeln, Kaumuskulatur/Gesichtsmuskulatur, Sehnen und Gelenke.
- Biochemie: Störungen des Nervensystems (Adrenalin/Noradrenalin)/ Hormonsystems (Schilddrüsenhormone/Histamin/Cortisol/Östrogen/Progesteron/Melatonin)
- Psyche: Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, ADHS etc. durch Stress (Serotonin/Dopamin/Noradrenalin).
▶ Eine CMD kann sich äußern in: Gesichtsschmerzen/Bruxismus/ Zähneknirschen/Reiben/Pressen/Kopfschmerzen oder kann auch in anderen Bereichen des Körpers auftreten (Sprunggelenk/ Knie/ Hüfte/ Hände etc.).
Andere Begriffe für CMD
- Myoarthropathie (MAP): Beschwerden, die in der Kaumuskulatur (Myopathie), in den Kiefergelenken (Arthropathie) oder in beiden Bereichen (Myoarthropathie) liegen.
- Temporomandibular Dysfunktion (TMD): Englischer Begriff.
- Temporomandibular Joint Dysfunction (TMJD): Englischer Begriff
Formen der CMD
Mischformen (Arthrogene, myogene und okklusale Formen der CMD) bedingen sich oft gegenseitig.
1) Arthrogene Formen
- Verlagerung des Discus articularis (Gelenkkörper) oder die Arthrosis deformans (Folge langjähriger Funktionsstörungen, Traumata oder Überlastungsphänomene des Kiefergelenks) der Kiefergelenke sowie Veränderungen in deren Kapselstrukturen (verschiedene Formen der Kapsulitis, Kompressions- oder Distraktionsgelenke).
- Als Symptome treten häufig Reiben und/oder Knacken in den Kiefergelenken, Kieferklemme, Kiefergelenkschmerzen, aber auch Ohrenschmerzen und Tinnitus auf.
2) Myogene Formen
- Schmerzhafte Verspannungen im Bereich der Kau- und Kauhilfsmuskulatur, auch mit Mundöffnungseinschränkungen, die teilweise getriggerte Schmerzen in anderen Regionen des Körpers oder massive Spannungskopfschmerzen auslösen können.
- Eine psychogene Komponente in dieser Gruppe ist nicht selten.
Weitere Unterscheidungen von Christian Prawitz
a) Myopathie: Schwäche der Muskeln/Muskelschwund.
b) Myalgie: Schmerzempfindungen in der Muskulatur. Muskelschmerzen können ausgebreitet (diffus) oder an einer bestimmten Stelle des Körpers (lokal) auftreten.
c) Myositis: Entzündung der Skelettmuskulatur.
d) Myospasmus: Unwillkürliches und meist schmerzhaftes Zusammenziehen eines Muskels.
3) Okklusale Formen
- Vorkontakte, verursacht durch Bisslageabweichungen, Zwangsbisslagen oder atypische Parodontopathien.
- Fehlerhafte Anfertigungen von Zahnersatz oder Füllungen.
- Falsche kieferorthopädische Behandlungen.
- Wachstumsbedingte Dysbalancen.
- Unfälle.
- Hervorgerufene Abweichungen in der Körperstatik (Beckenschiefstand, Fußfehlstellungen, HWS-Blockierungen).
- Schlifffacetten, multiple kariesfreie Zahnhalsdefekte oder einzelne Gingivarezessionen (Rückgang des Zahnfleisches) im sonst parodontal unauffälligem Gebiss werden oft beobachtet.
Ursachen & Theorien
1) Stressoren im Job, Elternzeit, Schule, Beziehungen, Lebenssituation
Meistens entsteht eine CMD durch Stress im Alltag. Hält der Stress zu lange an, nennt sich das Ding „Muskulo-Skelettale Erkrankung“. D.H. auch wenn der Stress nachlässt, bleibt die CMD in der Muskulatur bestehen (falsche Programmierung).
2) Zahn- und Kieferveränderungen, Verformungen durch die Muskulatur durch Umwelteinflüsse
Fränkel , ein Kieferorthopäde, der 1961 den ersten Funktionsregler entwickelte, sagte, dass die Muskulatur die größte Auswirkung hat. Das bedeutet, bei CMD sind die Ursachen in der Zunge, in der Gesichtsmuskulatur und in den Augen etc. zu suchen und diese wirken sich absteigend aus.
3) Die Theorie der funktionellen Matrix: Melvin L. Moss, Wachstums-Theoretiker
Die funktionelle Matrix ist die offizielle Lehrmeinung in der Literatur für Kieferorthopädie. Moss ist Wachstums-Theoretiker und hat früher gesagt: „Kieferanomalien sind genetisch bedingt“ (1968).
1997 hat Moss die funktionelle Matrix im Sinne von Fränkel evaluiert. D.h. Eine gestörte Zungenfunktion + Lippenfunktion, Mimik und die Augen verformen die Zähne genauso, wie ein Mund-Atmer Einfluss auf das Kieferwachstum hat.“
4) Harte Strukturen: Feste Apparaturen, Gesichts-Symmetrie
Schlechte Kieferorthopädische Behandlungen aus der Kindheit (fehlende Beachtung der dynamischen Okklusion), falsche Prothetik oder Unfälle sind ebenfalls Auslöser oder Verstärker der CMD-Problematik.
D.h. Diese Eingriffe sind aber meistens nicht alleine ursächlich für eine CMD. Sie können auch eine latente Fehlfunktion erst ans Licht bringen.
5) Aufsteigende CMD
Die aufsteigende CMD beginnt hingegen im Becken, zum Beispiel mit einem echten/strukturellen Beckenschiefstand, unterschiedlichen Beinlängen oder Fußfehlstellungen.
Diese Muskel-Verspannungen ziehen sich dann von unten entlang der Wirbelsäule nach oben hin fort, bis sie im Kiefer ankommen und dort eine CMD auslösen.
6) Artikulatoren
Ein Artikulator ist ein Hilfsmittel bei der Diagnose von CMD. Vereinfacht beschrieben ist es ein Gerät, welches bei der Simulation der Kiefergelenksbewegung bei der Funktionsanalyse eingesetzt wird.
Schädelbezogene Bissnahmen und Artikulatoren gehen von Gelenk-Strukturen aus, die regelgerecht sind. Diese sind aber nicht so vorhanden.
7) Neurologische und Psychiatrische Erkrankungen
Anfälligkeiten für psychische Erkrankungen (10% der CMD-Betroffenen) führen zu einem gestörten Neurotransmitterhaushalt und somit zu einer Verstärkung der Beschwerden: Depressionen, Ängste, ADHS, Bipolare Störung, Hochsensibilität, Schlafstörungen.
Beitrag: Psychisch krank oder krankes Gebiss
Beitrag: Somatoforme Schmerzen
▶ Eine CMD mit diesen Begleiterkrankungen ist sehr schwer über die Okklusion zu behandeln.
8) Primärer und Sekundärer Bruxismus
Primärer Bruxismus: Nächtliches Zähneknirschen ohne erkennbare Ursache bei ansonsten gesunden Menschen ausgelöst durch Faktoren wie Stressepisoden oder genetische Familiäre Häufung.
Sekundärer Bruxismus: Laut den neuesten Erkenntnissen ist der Sekundäre Bruxismus, ausgelöst durch psychoaktive Medikation oder Wirksubstanzen (Medikamente, Drogen, Kaffee, Rauchen) eher von einer CMD zu unterscheiden. Hier helfen keine konventionellen CMD-Therapien.
Warum ist eine CMD so schwer zu behandeln?
Leider sind Zahnärzte und Kieferorthopäden auch nur Unternehmer und verpassen es meistens durch Zeitmangel, die Betroffenen richtig über die tatsächlichen Erfolgsaussichten ihrer Behandlungen aufzuklären.
Hier spielt mal wieder das liebe Geld eine Rolle. Sie versuchen den Patienten ihre Systeme zu verkaufen und versäumen es, dass sie bei Fällen (wie z.B. Psychische Erkrankungen, Hormonverschiebungen, Stoffwechsel-Problemen) kontraindiziert sind.
Nach neuesten Erkenntnissen sind Okklusale Fehler und Dysbalancen nicht mehr so wichtig wie früher, weil die Ursachen auch in anderen Biologischen Bereichen liegen wie:
- Augen (Sehsinn)
- Hörsinn (Gleichgewichtsorgan)
- Hormon-System & Stoffwechsel
- Darmgesundheit & Immunsystem
- Ernährung & Bewegungsmangel
- Chronische Entzündungen
- Schlafmangel
Vor allem die Sozialen Faktoren (Familie, Freundeskreis, Hobbys, Arbeit) spielen eine wichtige Rolle und können die Schmerzwahrnehmung verstärken. z.B. durch soziale Isolation, mangelnde Anerkennung im Job, Diskriminierung oder Konflikte im sozialen Umfeld.
▶ Supergau – und was nun …..?
Ich habe die Diagnose CMD. Was kann ich jetzt tun?
1) Magnesium-Substitution
Die Magnesium-Substitution ist das Erste, was ihr machen solltet. Achtet darauf, dass es Magnesium-Citrat ist, das wird schneller vom Körper aufgenommen.
Da ein Päckchen Magnesium-Citrat nicht auf einmal vom Körper aufgenommen werden kann (maximal 100 mg), solltet ihr es in einer Trinkflasche mit Wasser vermischen und dann über den Tag verteilt trinken.
2) Stress-Reduktion
Bei Stress stößt der Körper Cortisol aus und der Sympathikus ist erhöht. Der Sympathikus gehört zum unwillkürlichen (vegetativen) Nervensystem. Er sorgt für eine Leistungssteigerung und wird zum Beispiel in Stress- und Notfallsituationen aktiviert.
Wenn er aber über einen zu langen Zeitraum erhöht ist, kann sich der Körper nicht mehr über Nacht erholen und die Aufgabe des Parasympathikus kann nicht wirken.
Der Parasympathikus wird auch als „Ruhenerv“ bezeichnet. Er bewirkt zum Beispiel, dass die Herz- und Atemfrequenz abnimmt. Unter seinem Einfluss tritt Entspannung und Regeneration ein.
Methoden, die das unwillkürliche Nervensystem wieder ins Gleichgewicht bringen sind: Entspannungsverfahren wie Meditation, Atemübungen oder leichter Sport.
Beitrag: Vegetatives Nervensystem und Stress
3) Weiche Lebensmittel, Entzündungshemmende Diät und der Verzicht auf Kohlenhydrate/Ketogene Diät
Abends ist es von Vorteil, weiche Lebensmittel zu konsumieren. Harte Nahrung wie Nüsse, Rohkost oder zähes Fleisch sollte man abends nicht essen, weil es die Kaumuskulatur noch mehr verkrampft. Selbst Kaugummi-Kauen sollte vermieden werden.
Wer es schafft, die Kohlenhydrate ganz wegzulassen, d.h. eine Ketogene Diät zu machen, der wird merken, dass sich die Verspannungen immens verbessern. Bei mir waren sie fast weg. Allerdings schaffe ich es nicht immer, mich so zu ernähren.
Beitrag: Wie Ernährung den Muskeltonus und die Schmerzen bei CMD beeinflusst
4) Infrarot-Lampe und Badewanne
Was mir gegen die Verspannungen auch geholfen hat, war eine Infrarot-Lampe oder eine Wärmeflasche bzw. eine heiße Badewanne. Der Vorteil einer Infrarot-Lampe ist, dass sie viel tiefer in das Gewebe eindringt als andere Wärmequellen
5) Elektrische Impulse mit dem TENS-Gerät
Der Einsatz mit dem TENS-Gerät (Reizstrom-Therapie) bei Patienten mit muskulären Dysbalancen kann innerhalb kurzer Zeit zu einer deutlichen Relaxation der Kaumuskulatur führen. Ich selbst habe es aber noch nicht ausprobiert.
Die TENS-Geräte werden zur häuslichen Anwendung und leihweise zur Verfügung gestellt. Den genauen Mietzeitraum bestimmt der Arzt.
Sobald eine Therapie medizinisch erforderlich ist, können die Krankenkassen die Kosten übernehmen.
6) Medikamente als schnelle Alternative
Wer aber schon kurz vor einem Burn Out oder einer Depression steht, kann eventuell von Medikamenten profitieren:
- Betablocker: die den Sympathikus dämpfen.
- Muskelrelaxanzien: die nicht abhängig machen: Buspiron, Lyrika (Pregabalin).
- Antidepressiva: ABER: Man muss genau aufpassen, welche Art von Antidepressiva man auswählt (anstatt ein SSRI ein SNRI nehmen).
- Botox in die Kaumuskeln spritzen: Das habe ich gemacht. Es hat etwas geholfen, später wurde es mir allerdings zu teuer.
Beitrag: Medikamente gegen Schmerzen
▶ Übrigens: Ich war von der CMD so fertig, dass ich eine starke Depression entwickelt habe. Obwohl ich zuerst total gegen eine medikamentöse Behandlung der CMD war, habe ich doch von den Antidepressiva profitiert.
7) Kieferübungen und ganzheitliche Übungen im Verbund
Bei CMD ist es nicht nur wichtig, Übungen für die Kiefergelenke zu machen, sondern der ganze Körper ist involviert, wie die Zunge, die Augen, das Gleichgewichtsorgan, das Becken, die Füße. Schließlich stehen alle Gelenke mit dem Kopf in Verbindung.
Übungen für das Kiefergelenk
https://www.reha-bad-hamm.de/fileadmin/user_upload/Downloads
Warum aktiv durchgeführte Übungen langfristig mehr Sinn machen, als zum Physiotherapeuten zu gehen
Beitrag: Körperarbeit als aktiver Ansatz – Lernen statt Therapie
Ganzheitliche Übungen aus meinem Blog
https://cmd-alternativ-handeln-blog.com/2023/09/23/ganzheitliche-uebungen-entspannungs-verfahren/
8) Vorsicht! Billige Schienen aus dem Internet
Die Schienen, die man online erwerben kann, sind meistens weiche Schienen und eignen sich nicht für den Dauereinsatz. Es ist besser, harte Schienen zu nehmen, die alle Zähne abstützen.
Was auch passieren kann: Bei mir beispielsweise hat sich eine einfache Schutz-Schiene vom Zahnarzt negativ auf mein Knirschen ausgewirkt. Es wurde dadurch verstärkt und ich habe die Schutz-Schiene nie mehr benutzt.